Ausgelassene Gelassenheit

24. August 2010, 08:57 Uhr von pantoffelpunk

Eine Art Appell anlässlich des organisierten Überfalls von HSV-Hooligans auf Fans und einen Keeper des FC St. Pauli am vergangenen Sonntag Morgen und des anstehenden Derbys:

Ich finde nach wie vor, dass der FC St. Pauli ein ganz besonderer Verein und seine Fangemeinschaft eine außergewöhnliche ist und ich habe auch in minen Groundhopping-Jahren nie eine Atmosphäre erlebt, die der des Millerntors – damals und heute – wirklich nahe gekommen ist. Und nach wie vor ist das antifaschistische, antirassistische und antisexistische Selbstverständnis, die klare Positionierung gegen Homophobie in Stadien und die emanzipatorische Grundhaltung der Fans für mich ohne Alternative – ganz davon abgesehen, dass ich mit Leib und Seele ein lokalpatriotischer Norddeutschäh bin und norditalienische Vereine (ergo: südlich der Elbe zu Hause) zwar sympatisch sein, mir aber nie zur Identifikation gereichen können.

Nein, ich gehöre nicht zu denen, die den Kult um den FC St. Pauli in den 80ern begründet haben, ich war noch nicht dabei, als erstmalig im deutschen Fußball eine Konföderation aus Fans, Verein und Polizei die Faschos und Assoschläger aus dem Stadion vertrieben haben und ich war auch nicht der erste, der ein Totenkopf-Shirt getragen hat. Aber ich gehöre noch zu den Glücklichen, die den “Kult” Anfang der Neunziger Jahre des letzten Jahrtausends erleben durften, als er noch wirklich authentisch war und der ROAAAAAR noch Gänsehaut verursacht hat, als es noch problemlos möglich war, eine Dauerkarte zu kriegen oder zu einem Top-Heimspiel 20 Karten für Freunde zu bestellen.

St. Pauli-Fans gegen rechts!

Heute wirkt etwas bestimmtes, das ich in den Neunzigern erlebt habe und das immer mehr Fans angezogen hat, so dass es selbst bei den gestiegenen Kapazitäten nahezu unmöglich ist, noch Karten im freien Verkauf zu bekommen, auf mich oft sehr gewollt (und nicht gekonnt) und trotzdem bleibt der FC St. Pauli für mich mein Club, meine große Liebe. Es sind mehr Leute, es sind andere Leute und jeder projeziert andere Erwartungen in die Community und ich will auch gar nicht schreiben, dass früher alles besser war, denn ich weiß natürlich: “Den Fußball in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf” , nein, ich akzeptiere es, dass sich auch am Millerntor einges geändert hat und sich weiterhin alles ändern wird. Ich respektiere die Arbeit der Ultra St. Pauli (USP), auch wenn die 24/7-Dauergesänge um Gottes Willen nicht meine Art Support sind (und auch nicht unbedingt die der Spieler, wie hier nachzulesen ist), ich respektiere auch die sogenannten Modefans oder die, die halt einfach nur mal diese “goile Atmosphäre” schnuppern und zehn bis 30 Bier trinken möchten. Mich stören nicht mal wirklich die VIP-Logenbesitzer, so sie denn raffen, dass den FC St. Pauli zu supporten, zur Familie dazuzugehören, ein Braun-Weißer zu sein, eben nicht nur hip und kult ist, sondern auch ein Statement für Vielfalt und für ein soziales Miteinander – auch außerhalb des Stadions (im Zweifel bitte hier mal “alles” nachlesen: “100 Jahre FC St. Pauli – 75 Jahre Schnarchsack, 25 Jahre Punkrock und antifaschistische Politik im Stadion…”).

Es ist – vor allem nach dem Aufstieg in das Oberhaus des deutschen Fußballs – überall, genug und alles über den “Kult”, über das “Freudenhaus der Liga” oder “den etwas anderen Club” und darüber, wie er sich im Zuge der Kommerzialisierung und Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit verändert hat, geschrieben worden. Was mich aber Anfang der Neunziger neben der antifaschistischen Grundhaltung der St. Pauli-Szene wirklich am allermeisten geflasht hat, war die ausgelassene Gelassenheit im und um das Stadion herum, ob auswärz oder zu Hause. Ich erinnere mich, dass uns Team Green in Meppen angeboten hat, unsere Rucksäcke, die wir nicht mit ins Stadion nehmen durften, während des Spiels in einer Wanne zu bunkern. Ich erinnere mich, dass ich mit Skull-Shirt nie wirklich einer willkürlichen Staatsmacht gegenüberstand. Ich erinnere mich, dass am Millerntor selbst bei Problemspielen gegen die gefürchteten Ostclubs etwa, in der gesamten Gegengeraden drei fußballinteressierte Polizisten ohne Helm und ohne Panzer (dafür aber serienmäßig natürlich mit Schnauz) Aufsicht hatten und wir Echtbier getrunken haben, während die gegnerischen Halbaffen eingegittert und von einer Hundertschaft bewacht, sich an Quench mit so etwas ähnlichem wie Biergeschmack labten, also alkoholfreies trinken mussten, daran, dass wir uns nach Spielende im Vereinsheim, auf dem Kiez oder sonst wo verlustierten, während aggressive Gegner in Busse und Bahn gekesselt wurden und die dritte Halbzeit mit Team Green ohne Beteiligung der braun-weißen unter sich ausgemurmelt haben. Ich fand es beim Fußball schon immer wirkungsvoller, die Faschos, die so gern zum Provozieren und Prügeln nach St. Pauli kamen, totzulachen, als sich mit ihnen nach dem Spiel zu hauen.

Eure Mütter haben Pilz!

Selbstverständlich ist mir klar, dass sich auch an der Haltung der Polizei bei Einsätzen am Millerntor etwas geändert hat, dass es vielschichtige Gründe gibt, warum sich das Verhältnis zwischen Team Green und den Boys & Girls in Brown so sehr verschlechtert hat, dass nicht nur (aber auch) die Fans verantwortlich dafür sind, warum auch wir jetzt massiv kontrolliert, bewacht und zum Teil schikaniert werden. Und ich halte es nach wie vor für legitim und notwendig, bereit zu stehen, wenn Hooligans ankündigen, den Kiez nach dem Spiel aufmischen zu wollen und es gibt auch grenzwertige Situationen, wo ein Eingreifen der Fans notwendig wird, wenn von Seiten der Polizei und Ordnerschaft nichts passiert, wie im Heimspiel 2006 gegen Chemnitz (wobei ich diesen Artikel so heute nicht mehr schreiben würde) und selbstverständlich ist es eine Pflicht, sich und andere gegen Übergriffe Dritter notfalls auch mit körperlichen Verweisen zu schützen. Aber es häufen sich Vorfälle, die zeigen, dass der Massenandrang beim magischen FC genau diesen von mir so geschätzten Teil des vermeintlichen Kultes empfindlich gestört hat. Die bekannten Bilder aus Rostock seien da beispielhaft angeführt, ich wunderte mich auch über Straßenschlachten mit der Polizei nach dem vorletzten Gastauftritt der Rostocker in Hamburg, nachdem (sic!) die Hools von der Ostsee schon gar nicht vor Ort waren, man liest sogar von nicht provozierten Übergriffen von St. Pauli-Fans auf den gegnerischen Anhang, der – um es gleich vorweg zu nehmen – nichts mit rechtsextremen Vollspacken am Hut hatte sondern offensichtlich nur den falschen Verein supportete. Gewalt als Selbstzweck ist – schreibt Euch das gefälligst hinter die Löffel, Kids – auch unter dem Deckmantel des Antifaschismus schlicht kontraproduktiv und – bzw.: weil – asozial.

Ich mache mir weniger Sorgen um homophobe Klappspaten, um Sexisten und Rassisten und anderes, ähnlich geartetes asoziales Gesocks, das sich vereinzelt mittlerweile wieder im Stadion tummeln soll, weil ich glaube, dass es die Selbstreinigungskräfte dieser unserer emanzipatorischen Szene schaffen, solche Leute wieder aus dem Stadion zu bekommen, falls ihnen die “politische Korrektheit” und das “Gutmenschentum” der aktiven Fans nicht so wie so irgendwann dermaßen auf den Wecker gehen, dass sie das Umfeld des FC St. Pauli von allein wieder verlassen.

Ich mache mir Sorgen, dass irgendwelche übereifrigen schwarz gekleideten Randale-Kiddies mit oder ohne Skull-Kappus und braun-weißen Socken glauben, einen vermeintlichen Kult zu zelebrieren, in Wirklichkeit aber etwas zerstören, von dem sie nie gewusst haben, dass es das gibt.

Bilderrätsel mit Bier

5. August 2010, 23:32 Uhr von pantoffelpunk

Liebe Freunde des gepflegten Bilderrätsels, isch habe da mal was für Eusch vorbereitet:

Welches der hier gezeigten Logos passt nicht in die Reihe?

Lösung gibt es mit Klick aufs Bild.

Hells Pizza

3. August 2010, 18:00 Uhr von pantoffelpunk

Das ist mal eine wirklich gelungene Werbung… aber vorsicht, nehmt Euch Zeit, das ist nur der erste Teil :-)

via nerdcore

Das hätte man doch ahnen müssen!

3. August 2010, 11:02 Uhr von pantoffelpunk

Erschütternde Meldungen und Bilder erreichen uns gerade aus Pakistan!

Und wieder hat angeblich vorher niemand etwas gewusst!

Hier für Sauerlands Rücktritt unterschreiben, hier Spendenaufruf des DRK für Opfer und die Hinterbliebenen der Loveparade, hier online spenden für die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan.

Kategorie: zermatschtes | Kommentare (5)

Ähnliche Artikel:

Bitte flattrn Sie meine Artikel…

30. Juli 2010, 16:51 Uhr von pantoffelpunk

… oder ich erschieße dieses possierliche Küken:

Foto von tzzimone

Sie haben die Wahl.

Kategorie: Sommerlochbloggen | Kommentare (14)

Ähnliche Artikel:

Vorwärts und nie vergessen

23. Juli 2010, 13:04 Uhr von pantoffelpunk

Obwohl es schon Beschwerden über meine einfallslose youTube-Videos-Bloggerei gab, den clip will ich auf pantoffelpunk.de haben.

“Der Student der Germanistik Kouadio Atobé interpretiert vor dem Hintergrund des bewaffneten Konflikts in seinem Heimatland Elfenbeinküste den Text des Solidaritätslieds von Bertolt Brecht gegenwartsbezogen.”

via ring2

Sommerloch

16. Juli 2010, 17:05 Uhr von pantoffelpunk

Für alle, die schon immer mal das Sommerloch sehen wollten, ich habe es hier:

Bitte, gerne.

Sieggi der Seicher reloadad

7. Juli 2010, 17:16 Uhr von pantoffelpunk

Ihr kennt doch noch Sieggi den Seicher? Der Schnauzbart, der während der Rostocker Pogrome vor Freude in seine graue Jogginghose einnässte und dem die Kowalski dann die wunderbare Geschichte “Zu Besuch bei Sieggi, dem Seicher” (ich glaube geschrieben von Simon Borowiak) gewidmet hat?

Gut.

Gerade wollte ich einem Grüßer, den ich beim Störungsmelder entdeckte, einen Pissfleck auf die Hose retuschieren, aber dann sah ich…

… dass das gar nicht mehr nötig war. Bruharrharrharr! Klappspaten!

Schland! …

6. Juli 2010, 15:19 Uhr von pantoffelpunk

Eigentlich poste ich ja nur ungern aufgewärmtes, aber DEN will ich auch in meinem blog haben:

Herrlich! Aus spiros` Suppe!

Interview mit einem Aussteiger

5. Juli 2010, 11:48 Uhr von pantoffelpunk

Die Bundesregierung startete jüngst ein Aussteigerprogramm für Linksextremisten, dessen Sinn von vielen linken Gruppen und Aktivisten kritisiert wird. Ganz aktuell und exklusiv gibt es dazu auf pantoffelpunk.de ein Blitzinterview mit dem Aussteiger T.F.:

pantoffelpunk.de: “Herr F., sie sind aus der linksextremen Szene ausgestiegen. Wie haben Sie das geschafft?”

Herr F.: “Ich bin sonst jeden Dienstag zum Treffen der Autonomen Antifa meiner Stadt gegangen, an einem Dienstag im November des letzten Jahres allerdings bin ich von einem alten Bekannten, der mit der Szene nichts zu tun hat, zum Spieleabend eingeladen worden. Wir haben nett geklönt, ein paar Bier getrunken und witzige Gesellschaftsspiele gespielt. Das war ein sehr netter Abend.”

pp: “Wie ging es weiter?”

F.: “Am Ende des Abends fragten die mich, ob ich am nächsten Dienstag wieder kommen wolle, einer würde auch eine WII mitnehmen. Ich sagte zu und hielt meine Verabredung ein.”

pp: “Sie fehlten also wieder bei dem Treffen der Antifa? Wie haben ihre Kamer… Mitstreiter reagiert?”

F.: “Ich habe irgendwann S. von der Antifa angerufen und gesagt, dass ich Dienstags jetzt etwas anderes vorhätte und nicht mehr an den Treffen teilnehmen würde. Er war natürlich etwas enttäuscht, schließlich hatten wir davor Jahre lang gemeinsam im rechtsextremen Millieu recherchiert und Daten veröffentlicht, wir haben Aktionen geplant, Demos organisiert und Migranten bei der Suche nach Hilfen unterstützt.”

pp: “Wurden Sie in der Folgezeit unter Druck gesetzt und bedroht?”

F.: “Ja. Man hatte mir massiv damit gedroht, den Termin auf Mittwoch zu verlegen, ich solle doch bitte wieder dabei sein.”

pp: “Aber Sie sind hart geblieben?”

F.: “Ja, ich hatte schon länger keine Lust mehr, wollte das Feld den Jüngeren überlassen und auch wieder mehr Zeit für meine Freundin haben.”

pp: “Mussten Sie untertauchen?”

F.: “Ja, ich habe ein paar Antifas wiedergetroffen, als ich im letzten Monat im Freibad war. S. hat mich lachend untergeduckert. Einer hatte auch einen Ball mit. Wir haben dann eine Stunde lang “Schweinchen in der Mitte” gespielt und meistens war ich das Schweinchen. Dann musste ich Gott sei Dank raus, ich hatte nur ein Zweistundenticket und wollte nicht nachbezahlen.”

pp: “Herr F., wir danken für das Gespräch.”

Freeze-Mob gegen Folter, ULM

28. Juni 2010, 10:36 Uhr von pantoffelpunk

Moritz bat mich, dieses Video vom beeindruckenden Freeze-Mob gegen Folter, der am 26. Juni in Ulm stattfand, von Amnesty International organisiert wurde und an dem mehr als 100 Menschen teilnahmen, hier zu veröffentlichen.

Gern.

Die Nacht der lebenden Idioten

24. Juni 2010, 08:38 Uhr von pantoffelpunk

Dieser Film ist im Rahmen der WM 2006 entstanden und ich habe ihn erst jetzt entdeckt, wofür ich @antifa_ist_da ganz herzlich danke. Ein Meisterwerk:

Teil2 und 3 sowie Infos nach dem Klick auf

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