Dem Nagel mal auf den Kopf schlagen.

30. Dezember 2006, 01:24 Uhr von pantoffelpunk

Es gibt eine Handvoll geflügelter Zitate, wie das von Götz von Berlichingen oder das von Dieter Nuhr, auf das ich jetzt anspielen möchte. Damit aber auch der Herr Professor Nagel weiß, warum ich ihm das empfehle, muss ich etwas ausholen:

Herr Professor Nagel, Sie sind studierter Mediziner und Philosoph. Als Mediziner sind Sie an der Bayreuther Universität beschäftigt, als Philosoph und Mediziner in Personalunion hat man Sie 2001 in den Nationalen Ethikrat berufen, wo Sie unter anderem über die Sterbehilfe debattieren und diesbezüglich den Gesetzgeber beraten dürfen. Das ist sicher eine feine Sache. In dieser Funktion werden Sie auch von Medienvertretern befragt und dürfen ganz viele Sachen in deren Mikrofone reinsagen. Da kann man dann zum Beispiel auch mal deutlich machen, was man von Demokratie hält, bzw. wie man sie umgehen kann. Das geht nämlich ganz einfach:

Nagel: Wir haben uns im Nationalen Ethikrat sehr intensiv mit den von Ihnen angesprochenen Umfragen auseinandergesetzt. Dabei zeigt sich sehr deutlich, dass die Umfragen nicht das differenziert wiedergeben, was die Bevölkerung denkt. Ganz wichtig ist immer, wie gefragt wird. Dass die Menschen Angst vor dem Sterben haben, ist klar. Dass man ihnen suggeriert, mit aktiver Sterbehilfe diese Angst nehmen zu können, ist aus der Sicht des Mediziners der völlig falsche Weg.
Quelle

… die Menschen sind zu doof und die Meinungsforschungsinstitute stellen falsche Fragen. Da können wir aber froh und dankbar sein, dass uns jemand das Denken abnimmt. Und dann noch jemand, der so klug ist wie Sie. Aber nicht nur das ethische Empfinden der Menschen wissen Sie besser einzuschätzen als die Menschen selbst, nein, auch was die Würde des Menschen beinhaltet, schreiben Sie ihnen sicherheitshalber vor, denn die wenigsten haben darüber so viele Bücher gelesen wie Sie:

Nagel: Für mich persönlich ist die aktive Sterbehilfe mit Artikel 1 Grundgesetz nicht vereinbar.
Quelle

Ganz Möchtegern-Intellektuelle glauben nämlich diesbezüglich ganz besonders schlau zu argumentieren und wollen in der Würde des Einzelnen vor allem das Recht auf Selbstbestimmung sehen. Aber – siehe oben – niemand kann sehenden Auges wollen, dass dumme Menschen für sich selbst die Inhalte ihrer Würde bestimmen, wenn es doch schlaue Menschen gibt, die das stellvertretend viel besser erledigen können. Zum Beispiel Sie:

Das Selbstbestimmungsrecht schließe auch die Entscheidung über den eigenen Tod ein, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Ethikrats, Eckhard Nagel. Somit habe der Patientenwille “Vorrang vor dem Wohlwollen der Behandelnden”. Grenzen der Selbstbestimmung seien allerdings gesetzt, wenn der Wunsch zu aktiver Sterbehilfe vorliege, betonte der Medizinprofessor der Universität Bayreuth.
Quelle

Aber, Herr Professor – und ich erlaube mir an dieser Stelle mal etwas salopp zu formulieren -: Wenn ich zwar selbst bestimmen darf, wann ich pissen gehe, ich aber nicht selbst bestimmen darf, wann ich sterben darf – ist dieses in elementaren Bereichen eingeschränkte Recht auf Selbstbestimmung dann noch ein wirkliches Recht auf Selbstbestimmung?

Um zum Zitat des ehemals sehr geschätzten Dieter Nuhr zurück zu kommen: Ich will Ihnen gar nicht absprechen, sich über dieses Thema in vielen schlaflosen Nächten Gedanken gemacht zu haben – die Lesebrille gedankenschwer von der Nase nehmend und die Stirn in tiefe Sorgenfalten gelegt, haben Sie sicher unter der Last der Verantwortung für all die Menschen Ihr intellektuelles Kreuz getragen und hunderte Schriften vor- und zurückreflektiert. Aber ich habe bisher einen weiteren entscheidenden Punkt außer Acht gelassen: Sie sind ja zusätzlich als aktiver und überzeugter Christ Präsident des evangelischen Kirchentages.

Und wenn überzeugte, kirchlich organisierte Christen über Würde, Freiheit und Selbstbestimmung reden, dann fällt mir – so leid es mir tut – ganz unwillkürlich immer nur eines ein: “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.”

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8 ma was gesacht

  1. lieber pantoffelpunk,

    das recht auf (und bestreben nach) autonomie und selbstbestimmung ist auch mir ein sehr wichtiges.

    allerdings – beim thema aktive sterbehilfe ist glaube ich ein sehr vorsichtiges herangehen an das thema angebracht (da muss ich gar nicht erst an 12 tausendjährige jahre zurückdenken, da reichen wohlmeinende verwandte, die finden dass oma doch langsam…)

    und was die haltung zu meinungsumfragen angeht, ist nicht ein korn denkanstoss in nagels gedanken? wenn du heute (am besten in vierbuchstabigen revolverblättern) fragst, sind sie für die wiedereinführung der todestrafe (oder des kaisers) – würdest du dann glücklich mit dem mehrheitsergebnis leben wollen? wie manipulierbar und unreflektiert mehrheitsmeinungen sein können , haben wir in d doch zur genüge erlebt – ich kann da seine vorbehalte zumindest als gedankenanstoss schätzen.

    für mich persönlich ist eine entscheidung über aktive sterbehilfe (die passive findet ja in der realität längst statt) erst denkbar, wenn wir z.b. alle denkbaren möglichkeiten ausgeschöpft haben, mit krankheit siechtum pflegebedüftigkeit etc menschenwürdig umzugehen – und das haben wir längst noch nicht.

    das recht auf freitod gehört zu meiner autonomie – aber in aktiver sterbehilfe stecken für mich dermaßen viele probleme und risiken … da bin ich sehr vorsichtig

    liebe grüsse von einem meist sehr begeisterten leser deines blogs,
    ulli

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  2. gut, dann fragen wir doch mal einen hühnerbaron zum sinn von vegetarischer ernährung, vielleicht hat der ähnlich erleuchtende erkenntnisse…

    oder wir fragen herrn nagel, ob man aus ethischer sicht eine gleichgeschlechtliche beziehung vor dem gesetz schützen sollte, oder ob dies die würde der beteilligten verletzen würde…

    mal abgesehen davon, dass eine aktive sterbehilfe risiken birgt (er hat gesagt, dass ich ihn umnieten soll! ich schwöre!”), ist aus einer vermischung von religion und politik noch nie etwas sinnvolles hervorgegangen…

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  3. Hallo Ulli,
    in aller Kürze das wichtigste: Es geht hier nur um die selbstbestimmte Beendigung des eigenen Lebens – nicht um fremdbestimmte. Diese sollte natürlich wasserdicht in bspw. Patientenverfügungen dingfest gemacht werden, in der die Umstände geschildert werden, unter denen der Patient den Tod wünscht. Eine solche Entscheidung zu treffen empfinde ich als mein unumstößliches elementares Recht. Dies ist mein Leben, über das ich selbst bestimmen will. Und ich würde keinem Arzt verübeln, wenn er meinen Tod nicht herbeiführen möchte, weil er es mit seiner ethischen Sicht auf seinen Beruf nicht vereinbaren kann – das ist seine persönliche Entscheidung. Sich aber aufzuschwingen und über die Köpfe der Menschen hinweg bestimmen wollen, was Würde ist und wie sie mit dem geschenk ihres Lebens umgehen sollen, halte ich für unsagbar arrogant und fernab von Freiheit, Würde und Demokratie. A por pos Demokratie: Auch ich wünsche mir manchmal in Anbetracht meiner Mitmenschen und deren Medienpräferenzen eine Diktatur, in der niemand etwas zu sagen hat. Aber der vergleich mit der Todesstrafe hinkt an einer Stelle gewaltig: Umfragen zur Todesstrafe beschäftigen sich damit, ob der Staat das Recht haben sollte, jemanden gegen seinen Willen zu töten. Bei der Sterbehilfe geht es darum, ob ICH entscheiden darf, ob und wann ICH sterben darf.

    @ben: Danke für die Schützenhilfe…

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  4. Wer sich umbringt kommt in die Hölle. Weiß doch jeder. Darf man nicht. Also was soll die Diskussion?

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  5. schützenhilfe?
    eher “bei verstand” ;)

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  6. @ ben: na – bei der vermischung von religion und politik sind wir uns ja einig …

    @ pantoffelpunk:also – für ne diktatur war ich nie, unter keine umständen [würg], ich wollte nur auf die grenzen von meinunbgsumfragen und co hinweisen. aber ich denke da sind wir uns wohl einig?!
    was die selbstbestimmte beendigung des eigenen lebens angeht, das geht ja auch heute schon sehr weitgehend (glaube mir, ich hab zig freunde an den folgen von aids sterben erlebtm, und bei weitem nicht alle “natürlich”, sondern “gewünscht”). und ich hab (da einige meiner freunde auch ärzte sind) auch die andere seite miterleben müssen … Deswegen versuch ich mich dem thema differenziert zu nähern. dass es dir um das weitestgehende recht um dein leben geht, is klar – das teile ich, versuche nur bedacht mit möglichen folgen umzugehen.
    lg ulli

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  7. ständig werden wir von irgendwem um hilfe gebeten und alle wollen so verdammt unabhängig und individuell sein.
    doch kaum kommt das thema tod auf kriegen die meisten einen riesen schreck und rennen weg.. man
    aktive sterbehilfe ist gut und meiner meinung nach notwendig um die würde eines menschen eben bis zu letzt aufrecht zu erhalen
    wer will mir denn erzählen das ein “leben” mit 50 oder mehr schläuche im wanst die alle zu irgendwelchen ppiependen summenden maschinen führen ein würdiger abgang ist.
    kopf auf: es geht hier doch nicht um depremierte teenager deren freund mit der eigenen schwester fremdvögelt

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    gesacht am 05. 01. 2007 um 16:34 Uhr
    von freakprinzessin
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Datum: Samstag, 30. Dezember 2006 um 01:24
Kategorie: Brechmittel
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