Der Geist des Internet oder: ein Heuchelmord

Der Geist des Internet oder: ein Heuchelmord

Wenn ich in Diskussionen die RAF als logische Konsequenz auf einen niemals entnazifizierten Staat, der jede progressive Idee und jeden Widerstand im Keim erstickte, verteidige, höre ich all zu oft, dass sie aber letztlich trotzdem kontraproduktiv war, weil die Reaktion des Staates nicht mehr sondern im Gegenteil noch weniger Freiheit war. Im Zuge der Terroristen-Paranoia durften Polizisten bei „Gefahr im Verzug“ ohne konkreten Verdacht auf eine Straftat Personen oder Fahrzeuge überprüfen – im Übrigen eine Art der Begegnung mit der Staatsmacht, die mir in jungen Jahren mehr als einmal zu Teil wurde.

Heute zeigt sich deutlich, dass es weder die linke Radikalität noch die Gewalt ist, die zu schärferen Gesetzen führt, sondern dass das subjektive Empfinden derer das entscheidende Moment ist, die die Macht inne haben. Waren es vor über 30 Jahren noch tote, ehemalig der SS angehörige Wirtschaftsbosse in Kofferräumen, die für Angst in den Zentralen der Macht sorgten, reicht es heute aus, Informationen, die dem Volk nicht zustehen, über Wege zu verbreiten, die sich der absoluten Kontrolle der Mächtigen entziehen, um Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und Kriminalisierung über sich ergehen lassen zu müssen.

Und hierbei reicht es eben schon aus, Teil einer Linkkette zu sein, deren Länge nicht mehr definiert ist – linke ich auf eine Seite, die auf eine Seite linkt, die auf eine Seite linkt, die auf eine Seite linkt, die auf eine Seite linkt, von der aus solche unbequemen Informationen zu ereichen sind, kann ich schon ein Krimineller sein.

Zur Zeit weiß ich nicht, was ich verachtenswerter finde: Dass sie ausgerechnet ein so hochsensibles Thema wie sexuelle Gewalt gegen Kinder instrumentalisieren und Interesse am Leid dieser geschundenen Seelen heucheln, um ihren perfiden Allmachtsphantasien durchzudrücken, letztlich aber nicht einem Kind damit helfen oder dass sie eine Kultur durch Kriminalisierung zu zerstören versuchen, die durch Vernetzung lebt und durch uns User zu dem geworden ist, was sie ist: Informativ, unterhaltsam und frei. Nur, weil sie diese Kultur nicht verstehen.

Schon wenn UserInnen Krimialisierung und Schikane nur fürchten müssen, ist die Freiheit des Wortes dahin und der Geist des Internet tot.

Ich protestiere auf das entschiedenste, linke (auf meine Art) zu wikileaks und erwarte, dass wir uns nicht unterkriegen lassen.

11 Responses »

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  2. Was das Gericht zu seinem bizarren Urteil bewogen hat, weis ich nicht.
    Was es bewirkt, ist umso klarer: Einschüchterung!

    „Bestrafe einen, erziehe 100“.

    Je mehr Hausdurchsuchungen wegen hahnebüchener Anschuldigungen bekannt werden (ich denke da z. B. an den Fall „Bomben-Burks“), desto weniger Leute trauen sich, auf Inhalte zu verlinken, bei denen man ‚Schwierigkeiten‘ zu befürchten hat.

  3. Pantoffelpunk spricht aus, was ich denke. Vollständige Zustimmung, was seine Analyse des Verhaltens der Mächtigen anbelangt. Nur mit RAF-Methoden ist in meinen Augen heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen, denn wenn heute schon ganze Städte abgeschottet werden, wenn sich die größten Verbrecher der Welt zusammen finden, was passiert dann erst, wenn einer davon in einem Kofferraum gefunden wird?
    Wenn alle zusammen aufmucken nennt man das Revolution, wenn wenige aufmucken ist es Terrorismus. daher muss es Aufgebe der wenigen sein, aus wenigen alle zu machen. Mit den Mitteln der direkten Aktion ist es nicht getan, die Propaganda der Tat muss es sein !
    Zwar wollten sicher viele den Schleyer mal so richtig fertig sehen, doch mit solchen extremen Aktionen hat sich der Verein auch viele Sympathien genommen. Hätten die mal lieber die BILD-Redaktion gekapert, als sie in die Luft zu jagen… Das hätte unterm Strich mehr verändert!

    • @meinInnenminister: Es geht gar nicht darum, das Vorgehen der RAF zu rechtfertigen, denn da gibt es eine ganze Reihe von Kritikpunkten. Es geht darum, dass konsequent militanter Widerstand ein logische Konsequenz aus der deutschen Nachkriegsgeschichte im Allgemeinen und dem Umgang mit der „68er-Bewegung“ im besonderen war (Kar-Heinz Kurras, Benno Ohnesorg, der Schah und die Salamitaktik oder die Springer-Demo und die Rolle Urbachs, die Auswirkungen der BILD-Hetze auf das Leben und Wirken Rudi Dutschkes usw.).

  4. Pingback: Tales from the Mac Hell

  5. Alleine das anklicken eines Links wie DIESER Webseite, kann monatelange Verfolgung und Freiheitsstrafe in Deutschland bewirken (wie mir). Ist euch das überhaupt klar?
    ES GIBT KEINE DEMOKRATIE MEHR!

  6. Pingback: Wiki – was? | Der Dwarslöper

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