Ein Plädoyer für Gewalt?

2. Mai 2006, 17:10 Uhr von pantoffelpunk

Ich bin beileibe kein Krawallbruder. Kein Gewalttäter, kein Schläger. Ich habe das letzte mal noch vor dem wirklichen Einsetzen der Pubertät eine Hauerei bewusst provoziert. Da gab es dann auch so ausreichend an die Backen, dass es mir fortan eine Lehre sein sollte. Aber auch wenn das Kreiswehrersatzamt andere Informationen von mir hat: Ich bin auch kein satyagrahi und solche Leute gehen mir situativ mächtig auf die Testikel. Sicher ist mit ihnen gut Kirschen essen oder auch Tee manchmal sogar gut Bierchen trinken – aber wenn sie in bestimmten politischen Kontexten zu spalten beginnen, dann wünsche ich sie manchmal ganz feste auf den Mond, zumindest weit weit weg.

Ich stehe nicht auf und noch weniger stehe ich auf Leute, die Gewaltausübung zu ihrem primären Lebenszweck erkoren haben. Aber sagte nicht schon Buddha, dass man sich mit seinem Gegner in dessen Sprache unterhalten muss, damit er versteht? Berichtigt mich gern, wenn ich da falsch liege.

Ich schweife ab und will so langsam zum Punkt kommen, den ich anhand eines zwar schon etwas weiter zurückliegenden aber dafür selbst erlebten Beispiels verdeutlichen möchte.

Es war im Januar des Jahres 2005, als sich in Kiel eine Horde ankündigte, ihre abstoßenden und menschenverachtenden Ideen in die Welt zu tragen. Es wurde eine Demonstrationsroute durch die gesamte Innenstadt genehmigt. Tolle Wurst, Staatsgewalt. Gegendemonstranten ließen natürlich nicht lange auf sich warten und Frau Volquartz bekam Muffensausen, das hatte sie sich vor der Wahl aber nicht so vorgestellt. Sie rief also alle Bürger und Bürgerinnen auf, am betreffenden Samstag nicht in die Stadt zu gehen, zu Hause zu bleiben, die Augen zu schließen und ein gutes Hörbuch in den CD-Player zu legen – alles wird gut, wenn wir es aussitzen.

Auf die berechtigte Kritik reagierten die bürgerlichen Kräfte (ich mag diese Differenzierungen nicht, aber hier ist sie angebracht), also die Parteien der Stadt Kiel und des Landes Schleswig-Holstein, die Kirche, die Gewerkschaften und so was alles, indem sie dann doch noch eine sogenannte Gegendemonstration anmeldeten: Diese sollte von 9:00 bis 11:00 Uhr in der Kirche stattfinden. Zum Start der um 12:00 Uhr konnten dann alle zum Mittagessen wieder zu Hause sein. So also sieht der Aufstand der Anständigen aus. So weit, so Scheiße.

Entgegen der Hoffnungen und Bestrebungen der Bürgermeisterin trafen sich aber noch gut 8000 Menschen aus allen Lagern zum Aufstand der Unanständigen. Selbstverständlich wurde die Route der Gegendemonstranten nur so genehmigt, dass ein Aufeinandertreffen mit den Nasen nicht stattfinden konnte. Das ist aus Sicht der Staatsgewalt ein nachvollziehbarer Schritt. Aus Sicht derer, die den Nazis die Straße nicht widerstandslos überlassen wollen, ist das eine Farce. Und Aussitz-Durchhalteparolen wie eben der “Aufstand der Anständigen!” oder “Dem Rechtsextremismus entgegentreten” oder “Bla!” oder “Blubb!” werden ad absurdum geführt bzw. werden deren heuchlerische Absichten entlarvt. Reden tut niemandem weh und kein Gottesdienst hält irgendeinen Nazi davon ab, die Straßen zu erobern.

In Kiel war es nun so, dass ein kleiner Teil der Meute Team Green mit kleineren Feuerwerken in der Innenstadt auf Trab hielt und ein anderer Teil des Demonstrationszuges die Gunst des Augenblickes nutzte, um aus der polizeilichen Abschottung in Richtung Bahnhof auszubrechen, um dort den rechten Mob am Losmarschieren zu hindern. Nach und nach trafen dort weitere Hundertschaften Demonstrierender ein und blockierten die Route der Nazis. Es wurden Wasserwerfer postiert, es flogen Steine, Flaschen, Fäuste und Schlagstöcke. Hätte es an dieser Stelle nur “Nazis-Stoppen-Ohne-Kloppen-Jusos” und den “Blockflötenblock” gegeben, hätte die alle weggetreten, oh sorry, will sagen: weggetragen, man wäre nach Hause gegangen und hätte sich gegenseitig auf die Schulter geklopft und sich gefreut, dass am Montag darauf sogar die erzkonservativen Kieler Nachrichten positiv über die Gegendemo berichtet hätten. Nur: Die Nazis wären durch Kiel marschiert und das Klassenziel hätte man ergo nicht erreicht.

Das heißt, nur aus Angst vor eskalierender Gewalt wurde der Zug der Nazis – inklusive Geleit- und Sichtschutz durch Team Green – mit 4-stündiger Verspätung lediglich einmal 1000 m im Kreis geführt und die Demonstration für beendet erklärt.

Man stelle sich also die Frage, ob man es als vertretbar oder von mir aus auch demokratisch empfindet, die undemokratischen Nazis durch die Städte marschieren zu lassen oder ob der Zweck, diesen Sackgesichtern die Straße nicht zu überlassen, die Mittel der maßvoll und überlegt eingesetzten Gewalt heiligt oder zumindest rechtfertigt oder am Ende sogar notwendig macht.

Ich persönlich haltes es für moralisch einwandfrei, den Nazis die Straße zurückzugeben – Stein für Stein.

flattr this!

9 ma was gesacht

  1. Und da hast du recht!

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  2. ich sach ma, vom rufen und winken gehen die nicht nach hause. die halten leider erst die schnauze, wenn sie angst haben für ihre parolen aufs maul zu kriegen.

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  3. In Deutschland ist es immer noch einfacher, die gesamte Staatsgewalt auf den Plan zu rufen, wenn sich ein paar Leute an Bahngleise ketten, um Atomtransporte zu verhindern, als gegen Nazidemos, Volksverhetzung und Gewalt gegen Ausländer vorzugehen.
    Das Demos von Neonazis fast immer nur halbherzig begegnet wird, zeugt nicht vom Rechtsstaat, wie uns die Eliten immer weismachen wollen, sondern davon, dass Neofaschismus weiterhin verharmlost wird bzw. deren Gesinnung auch in den Köpfen politisch Verantwortlicher ihr Plätzchen hat. Was der versuchte Mord an dem Äthiopier in Potsdam uns mal wieder wunderbar vor Augen geführt hat.
    Solche Typen wie Schäuble und Schönbohm zu Polizeiministern zu machen, hat da durchaus System und macht aus diesen Böcken Gärtner mit dem “braunen Daumen”. Rechtshändig.

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  4. die reaktion darauf wäre jetzt diese:”wie? sie wollen die meinungsfreiheit beschneiden? und das demonstrationsrecht? und die versammlungsfreiheit? sind sie etwa gegen die freiheitlich demokratische grundordnung?” und schwupps bewegen wir uns möglicherweise bei §129(a)…

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  5. Oha, da kennt sich jemand aus. Buddha hat tatsächlich seine Schüler (nicht Gegner) nach ihrem Vermögen gelehrt. Das heißt die “Wahl des geschickten Mittels”.

    Im Grundgesetz steht:

    Art. 20 Abs. 1: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.

    Art. 20 Abs. 4:: Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutsche das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

    Ich finde, wenn keine andere Möglichkei gegeben ist und keine Menschen verletzt werden, ist Gewalt gegen Sachen legitim. Dinge bleiben Dinge und sind nur Mittel zum Zweck. Diese dürfen meiner Meinung nach zum Schutz der Lebewesen (auch Tiere) geopfert werden.

    Viele Grüße
    dreamhill

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  6. und genau der absatz 4 macht es so schwierig auf dem widerstandsparagraphen zu beharren, denn du unterschlägst absatz 2+3:
    (2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

    (3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.

    ergo: andere abhilfe sind wahlen oder verfassungsklagen… du kannst ja gegen verfassungsbrüche (bundeswehr im inneren, angriffskriege oder deren unterstützung, einführung von studiengebühren etc.) klage einreichen…

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  7. Ich kenne mich in Recht nicht so aus. Habe nur Vorlesungen in Privatrecht gehabt. Aber für mich geht es um diesen Teil: “Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen,…”.

    Ich erkenne da den letzten Rest meiner eigenen Legitimation im deutschen Gesetz wieder. Wenn man sich wehrt, ist es legitim, Gesetze zu brechen (Widerstand im dritten Reich). Ich wehre mich auch, wenn es mir Gesetze verbieten. Ich habe eine Ethik und Moral. Und diese stehen bei mir über den Gesetzen. Meine Moral verbietet mir Sachbeschädigung nicht. Diese kann nützlich sein, um größeren Schaden zu vermeiden.

    Klar, dass das dann von diesem Staat anders ausgelegt wird. Muss er ja auch anders auslegen, weil er andere Interessen hat: Abbau der Persönlichkeitsrechte und der demokratischen Strukturen, um eine postindustrielle Technokratiegesellschaft aufzubauen).

    Viele Grüße
    dreamhill

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  8. in der sache stimme ich dir nachdrücklich zu.

    Das (fast) gleiche Lied am Montag in Rostock. Nur durch weiterhin ausstehende Reeducation ist hier der Konsens ein anderer. es wurde eben nicht blockiert was auch an dem massiven aufgebot der cops lag, aber zugleich fand trommeln gegen rassismus bratwurstessen für die Völkerverständigung und dergleich mehr schwachsinn statt incl. fein säuberlicher unterteilung in gut- demokratischen und schlecht-linksextremen protest. zum kotzen das alles

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  9. Puh… – Gewalt-, bzw. Militanzdebatte. Zigmal geführt und immer wieder notwendig. Überlegte, strukturierte Militanz kann ich durchaus befürworten. Auch wenn es aussieht wie sinnlose Straßenrandale ist der Sinn und Zweck dabei ja, das Gefährdungspotenzial für die Faschos so hoch zu treiben, daß die Bullen für die Sicherheit der Faschisten nicht mehr garantieren können und der AufmARSCH beendet werden muß. Daß dabei dann auch mal was zu Bruch geht… Naja. Shit happens. Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann ist, wo der Sinn liegt durchschnittliche Autos von Anwohnern im Vorbeirennen zu zerkloppen. Das ist nicht vermittelbar und hält auch die Nazis nicht auf. Es ist ein ewiges Für und Wider. Heiligt der Zweck die Mittel? Oder gehen manche Aktionsformen gar nicht? Darf´s auch mal etwas mehr sein? Was ist mit der Bonzenzusammenrottung an der Ostsee im nächsten Sommer? Wo kommt die Gewalt her, wer übt sie aus und aus welchen Gründen? Welche Aktionsform ist hier angebracht? Militanz? Definitiv! Aber nicht einzig und allein und vor allem nicht an der Bevölkerung vorbei. Fakt ist: Militanz kann dabei helfen ein bestimmtes Anliegen öffentlichkeitswirksam zu transportieren. Bzw. Öffentlichkeit erst einmal zu schaffen. Wenn es aber nur um Randale geht, haue ich auch mal den “eigenen” Leuten was hinter die Ohren. Alles sehr verkürzt, aber ich konnte es mir nicht nehmen lassen, dazu was zu schreiben.

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    gesacht am 24. 10. 2006 um 11:54 Uhr
    von Nochmal raten, bitte

Sach ma was...

WICHTIG: Sollte der oben eingetragene Link auf eine rein gewerbliche Seite führen, behalte ich es mir vor, für die hier platzierte Werbung Gebühren einzufordern. Der Rechnungsbetrag errechnet sich wie folgt: 150,- € x pagerank der beworbenen Seite. Er wird jedoch mindestens 300,- € betragen. Mit Klicken des Absenden-Buttons erkennen Sie diese Regelung an und verpflichten sich, die Rechnung innerhalb von 7 Tagen nach Erhalt ohne Abzug zu begleichen.



Datum: Dienstag, 2. Mai 2006 um 17:10
Kategorie: zermatschtes
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